Wellen bis zum zweiten Saling

Aktualisiert: 12. Apr.

Jahrelang dachte ich, segeln wäre langweilig und bote keine Spannung an. Welch argloses Wesen ich wohl gewesen war. Aber damals hatte ich weder Liah(*) gesehen und noch ihren Abenteuern zugehört..

 

An diesem Morgen segelten wir von der dänischen Mommark in die Hørup Hav Bucht hoch am Wind bei Windstärke fünf, mit Böen sechs. Einen herrlichen Segelvormittag hinter uns gelassen, legten wir am liebevoll gepflegten, hübschen Hørup Hav Hafen an und gingen bei schönstem Sonnenschein einkaufen.


Kaum waren wir mit dem Abwasch nach dem entspannten Abendessen fertig, sahen wir draußen die Sturmwolke. Die schönste und beeindruckendste, die ich bis dahin gesehen hatte.


Wir hatten wirklich Glück gehabt, dass wir alles bei bestem Wetter hatten erledigen können. Laut Windfinder brauchte der Sturm noch ca. 20 Minuten, bis er über uns ist.


Wir holten zackig das Wichtigste aus der Kajüte: Ich meine Krücken und der Captain die Kuchenbude. Schnell und zusammen bauten wir sie auf, und ich stürmte oder humpelte raus zum Steg. Ich durfte inzwischen ohne laufen, aber mit Krücken fühlte ich mich damals noch sicherer.

Die anderen Hafengäste waren schon alle aus ihren Booten herausgekrochen und bewunderten auf dem Steg zusammen die lange, graue und schwere Sturmwolke am Buchteingang. So bekam ich eine Art Camping-Gefühl und spürte klarer, wie der Hafen voll mit Seemenschen aus unterschiedlichen Heimathäfen war. Sie tauschten sich dabei über ihren Segeltag aus, machten Fotos vom imposanten Himmel und behielten den Sturm, der ruhig, aber bedrohlich auf uns zukam, im Auge. Es herrschte eine stimmungsvolle Atmosphäre, die alles umhüllte, und der Blick auf Windfinder wurde jedes Mal zum Gemeinschaftserlebnis.


Auf einmal erschien vor der Sturmwolke ein Segelboot. Es wollte auch an unserem Hafen anlegen, und darauf war eine große Familie mit vier jugendlichen Kindern. Wir fixierten uns alle hilfsbereit auf das lange Boot und halfen der Familie beim Anlegen, als sie zwar knapp, aber sicher ankamen.


Ich lehnte mich an eine Krücke und zog mit der anderen an deren Vorderleine. Da hörte ich eine amüsierte Stimme hinter mir "und Duu ziehst da so auch mit?". Ich drehte meinen Kopf, ohne die Krücke loszulassen. Ein erfahrener Segler in seiner 7/8 Outdoor Hose und einem eisblauen Polo-Shirt lachte über die Szene.


Der Segler-Familie war anzusehen, dass sie nun ihre Ruhe brauchten, und so gingen wir zurück zu unserem Schauplatz. Wir bemerkten, dass der amüsierte Segler unser Stegnachbar war und fingen an uns neben seinem Segelboot zu unterhalten.


Als er sah, dass ich Fotos vom sich nähernden Sturm machte, bot er mir an, dass ich auf deren Boot steige und von deren Steuerboard Seite -von der aus alles besser zu sehen war- fotografiere.


Auf deren Oberdeck wirkte alles sehr gepflegt und aufgeräumt auf mich. Ich kenne mich mit Segelbooten nicht aus. Ich konnte nicht sagen, was es genau war, aber es war ein schönes Deck und alles hatte einen eigenen Platz oder eine eigene Halterung.


Draußen bedankte ich mich und fragte, wie das Boot hieße.

Wie unser Stegnachbar daraufhin aufblühen würde, sah ich nicht kommen.


Er sagte "Liah" und fügte schnell hinzu: "aber das ist nicht wichtig." Er ging zu seinem Bug und zeigte auf den Buchstaben "m" am Bootsrumpf. "Dieser „m“ hier vorne. Das ist das Wichtige. Das hier ist nämlich ein Malö".


Es handelte sich um ein sehr gepflegtes Malö 40. Ich nickte freundlich und merkte mir aber "Liah". Das andere sagte mir nichts. Weil ich aber einen guten Umgang pflegen wollte, ging ich auf sein Lob ein und sagte so etwas wie "sehr schön.. wirkt sowohl sportlich als auch komfortabel." Aus der Inhaltslosigkeit meiner pauschalen Worte ahnte er meine Ahnungslosigkeit. Nun wollte er mir klar machen, was ein Malö 40 ist. Wenn Du im norwegischen Atlantik segelst, fing er an zu erzählen. Und versetzte uns langsam und ungeahnt in seine Abenteuer:


Wenn Du im norwegischen Atlantik segelst, und es auf einmal so dunkel wird, wie in einer Tiefgarage, weil Du 56 Knoten Wind hast.. und Wellen bis zum zweiten Saling. Und die hundert Liter Wasser ins Deck zurückwerfen.. Dafür ist dieses Boot gemacht.

Ich riss meine Augen auf, staunte "Woaw..." und warf ein Blick auf sein Boot.

Das hier ist nichts für Mittelmeer-Segeln. Es braucht Wind.

fügte er hinzu. Ich vergaß inzwischen den Mini-Sturm, der auf uns zukam und stellte mir vor, wie so eine "Welle bis zum zweiten Saling, die hundert Liter Wasser zurückwirft", aussehen und wirken würde.

..Zwölf Tonnen..

hörte ich ihn meinem Freund antworten, der inzwischen auch beeindruckt zu sein schien. Als mein Freund schnell mit "3.7 Tonnen Verdrängung, 1.8 Kiel" unser Gewicht durchgab, ohne sein Staunen über die zwölf ganzen Tonnen nicht verstecken zu können, wurde mir Angst und Bange. Denn ich dachte immer, dass wir mehr als anderthalb Tonnen Blei unter uns hätten. Mir kam unser Boot neben seinen drölf Tonnen wie ein Herbstblatt vor.

Von meinen Gedanken wurde ich aufgeweckt durch

...und da sah ich es: Es hagelte.. Soo hohe Hagelschicht an Board.

zeigte er mit seinen Fingern die Höhe der Hagelschicht, die auf seinem Oberdeck wohl mal lag.

Ich hörte inzwischen schon ein Holzfeuer im Kamin knistern und knacken. Wir hörten ihm zu - wie Enkelkinder, die sich um ihren Opa sammeln, wenn er von seinen uralten Abenteuern erzählt.


Ich fragte, ob so hohe Wellen und der Sturm -fast Orkan- nicht einfach viel zu gefährlich um da durchzusegeln ist. Er sah all das unproblematisch. Neein, sagte er,

das sind Wellen mit atlantischen Dünungen. Sie sind völlig harmlos. Völlig harmlos, da passiert nichts.

Ich fragte mich -wohl laut- weiter leicht hypnotisiert, wie sich denn so etwas alles wohl anfühlen würde. Er erläuterte es für mich:

Stell Dir vor, Du fährst durch einen dunklen unterirdischen Tunnel durch. Und bist dazu noch blind. So eingeschränkt wird die Sicht dann.

Woaw. Ich schaute noch einmal auf den zwoten Saling hoch. In meinem geistigen Auge konnte ich schon die hohe Welle sehen und die ersten Tropfen, die sie zurückwirft, wenn sie bricht, auf meinem Gesicht spüren. Da merkte ich, dass die Tropfen nicht von einer norwegischen Saling2-Welle kamen, sondern dass unser Sturm inzwischen am Hafen angekommen war.


Das weckte mich aus der Hypnose auf. Ich schüttelte mich. Dann hob ich meine Krücken kurz vom Boden hoch und klopfte mit denen gegen den Steg unter meinen Füßen. Und machte ihm schmunzelnd unerwartete Konkurrenz: „Sie haben wirklich einiges an See-Abenteuern erlebt. Aber wer hat hier die nautischen Krücken?“


Da es inzwischen schon spürbar tröpfelte, rannten wir alle schnell in die Kuchenbuden. Niemand beantwortete meine Frage.


In unserem warmen, geschützten Boot kochten wir uns gemütlichen Tee und redeten von Liah. Mein Freund war weiter von den zwölf Tonnen beeindruckt, sagte aber auch, dass wir bei wenig Wind flotter sind. „Gute Windstärke drei brauchen sie mindestens, damit so ein Boot überhaupt zu Potte kommt. Das Ding braucht Wind.“ erklärte er und betonte, dass bei wenig Wind wir sie würden stehen lassen. Klang fast so, als ob er sich als Captain neben dem Malö 40 herausgefordert fühlte, was mich amüsierte. Er fügte aber realistischer- und fairerweise auch hinzu, dass wir bei gutem Wind nur deren Heck sehen würden.


Ich murmelte noch immer voller Staunen, was das alles wohl für Segler und Segel Abenteuer sind.

Mein Freund sagte, ach, Seemannsgarn.


Seemannsgarn? Das drehte uns nun auf einmal völlig auf und versetzte uns in eine lustige Stimmung. Wir schnappten uns die kupferfarbene LED-Laterne, hoben sie hoch und ließen sie in der Luft schaukeln, während wir mit unseren tiefsten Stimmen Seemonster und Gewitter Geräusche machten.



Dann erzählten wir seine Geschichten nach. „Uuuh es war wie in einer Tiefgarage huuuh“ und schmissen uns weg. Draußen gab der Sturm alles. Es blitzte, donnerte und regnete in Strömen knappe Stunde. Da es richtig laut war, mussten wir mit unseren Seemonster Geräuschen noch lauter werden und schwankten die Laterne noch mehr in der Luft. Wir fingen dabei an, in der Kajüte zu rennen und uns gegenseitig mit der Laterne zu jagen. Da wir nur eine Laterne besitzen (die man gefahrlos schaukeln kann), musste der Jenige, der fertig mit seinen Schauergeschichten ist, die Laterne dem Anderen reichen, damit er losbrüllen konnte. Als mein Freund die Laterne bekam, sagte er mit seiner Gruselstimme „uuuuuh ich muss auf Toiletteeeuuhhhh“. Sein Gesicht erschien und verschwand beim schimmernden, schaukelnden Licht immer wieder.


Dass ein Seemonster seine Gruseltaten unterbrechen muss, weil er dringend um die Ecke möchte, war der Endgegner für mich. Ich warf mich weg.

Als wir am nächsten Morgen rausgingen, war Liah schon weg, obwohl es gerade mal acht Uhr war. An dem Tag sollte der Wind nach frühen Morgenstunden kontinuierlich abnehmen. Meinen Freund hörte ich vor sich hin wiederholen: „Das Ding braucht halt Wind. Bei diesem Wetter würden wir sie stehen lassen.“

 

(*): Den Namen des Segelboots habe ich natürlich für diese Geschichte verändert. Das ist aber auch das einzige Seemannsgarn hier.


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