Die Pastinakensuppenanzeige

Aktualisiert: 8. Okt. 2021

An meinem Geburtstag in dem Jahr wollte ich ein paar Freunde zum gemütlichen Beisammensein in meine kleine Bude einladen.


Ich nahm mir drei Sachen vor: Da mein Geburtstag zum Herbstanfang ist, sollte es ein selbstgekochtes, warmes Süppchen und geröstete Kürbiskerne geben. Da ich das Ganze genießen wollte, sollte die Vorbereitung entspannt und einfach bleiben. Nur das Nötigste - es geht ja nicht um die Wohnung sondern um das Zusammensein. Und da ich in der Woche schließlich arbeite, sollte ich am Vortag spätestens 22 Uhr im Bett sein.


Das Erste war das Einzige, was am Ende auch wirklich so war. Es gab Suppe.


Das zweite Vorhaben lief komplett aus dem Ruder. Ich plante das ganze Wohnzimmer um, jedes Bild, was herumlag oder hing, wurde hinterfragt, und ich kaufte ein Sofa.


Das dritte Vorhaben hatte sich aufgrund des Zweiten erledigt, denn ich nahm mir den Vor- und Geburtstag frei.


Es war eine lange Pandemie, die gerade gelockert wurde, und die Vorfreude darauf, meine Leute wieder einmal zuhause begrüßen zu können, die Lust daran, irgendwelche schönen Kleinigkeiten und einen schönen Abend zu gestalten, überwog. Kurz: Ich hatte jetzt Bock.


Am Vortag tüdelte ich also hier und da, genoss den hausgerösteten Espresso in Loppo, hing den obligatorischen „kommen Sie lieber auf einen Drink dazu als die Polizei anzurufen“ Zettel für die Nachbarn ins Haus und feilte dann zuhause an Dekoration. Kurz bevor ich am Frühabend einkaufen gehen wollte, bekam ich von meiner Familie einen Überraschungsvideoanruf. Wir redeten schön und lange.


Währenddessen klingelte es, und der eigentliche Besitzer des legendären Suppen-Rezeptes kam persönlich vorbei, um beim Vorbereiten auszuhelfen. Darüber freute ich mich sehr, denn es wurde inzwischen schon etwas spät.


Während meine Unterstützung zuhause die schon vorhandenen Zutaten zubereitete, ging ich nun einkaufen. Es war schon nach 22 Uhr, und die REWE unten sah bereits aus wie geplündert. Ich bekam alles außer Pastinaken. Den Einkauf trug ich schon mal hoch und bekam dort die Empfehlung bei einer Pastinakensuppe nicht auf Pastinaken zu verzichten. Auch wenn es echt spät geworden ist. Und düste wieder los.


22:40 Im zweiten REWE 700 Metern weiter schaute ich auch auf leere Fächer mit Schildchen „Bio Pastinaken“, "Regionale Pastinaken". Was war los? Pastinaken schienen über Nacht zum neuen Toilettenpapier geworden zu sein.


22:50 Hoffnungslos ließ ich in meinem Google Maps alle lokalen REWEs auflisten. Die letzte Filiale war in 800 Metern aber in die andere Richtung. Also los. Nach kurzem Aufregen über die neue Baustelle direkt vor Ladeneingang, schaffte ich es rein.


22:57 Die Filiale war winzig. Vom Eingang sah ich links das noch randvolle Pastinakenregal in der Gemüseabteilung.


22:58 Mit einem Schwung sprang ich über etwas (bis heute unbekannt) und nahm den kürzesten Weg zu den Pastinaken, der nicht für Kundenverkehr vorgesehen war. Die krummen Pastinaken leuchteten und pochten wie die Edelsteine in einem Computerspiel, und es war ein heiliges Summen in der Luft um das Regal herum. Kaum bezahl ich an der Kasse, schon machte REWE Schicht für heute.


In meiner Altbau-Bude pürierten wir mit Gewinnerlächeln das Gemüse mit dem elektrischen Stabmixer in dem großen Suppentopf auf dem Tresen. Ich sagte, "lass einen von uns den Topf in der Luft halten, während der Andere püriert."


Ja, das sagte ich. Denn es wurde spät, und die Wohnung ist hellhörig, und meine Nachbarin unten nicht die Normalste. Weil meine Nachbarin unten seltsamer als "in der Luft zu pürieren" ist, taten wir dies auch. Als wir kurze Zeit danach fertig waren, duftete die Küche herrlich nach den herbstlichen Gewürzen, und eine Wand war bis zur Decke voll mit Pastinaken-Klecksen.


Ich warf mich aufs Sofa, nachdem ich mich dankend von meinem Kumpel verabschied.


Wenige Minuten später, genau um Mitternacht, sprang ich mit der häßlichen Türklingel auf. Er muss kurz unten gewartet haben, um mir genau um Mitternacht zum Geburtstag zu gratulieren. Müde öffnete ich die Tür.


Ein Polizist und eine Polizistin zeigten mir Ihre Ausweise. Sie wären von meiner Nachbarin unten geschickt. Nachbarin hätte erzählt, ich würde um Mitternacht renovieren. Ob ich hier eine Baustelle betreiben würde?


Und das, trotz Luftpürieren? Da ärgerte ich mich nun und sagte, "nein, schlimmer sogar: Ich habe eine Suppe gekocht. Sie decken gerade eine geheime Pastinakensuppenproduktion in einem unterirdischen Kerker auf" und klopfte dabei mit dem Holzlöffel auf den Suppentopf, weil ich, während ich antwortete, die Tür schon aufriss und denen meine Küche zeigte.


Komischerweise sah die eine Küchenwand auch fast so aus, als ob ich sie regelmäßig mit Pastinakenkugeln aus Katapulten beschießen würde.


Die Polizistin warnte mich mit ihrer Dienststimme. Sie hatte Recht, ich brauchte mich nicht aufregen. Ich legte den Holzlöffel beiseite. Dann atmete ich gelangweilt aus und ging die Geschichte kurz durch. Ich hätte jetzt gerade Geburtstag und würde von meiner Nachbarin sonst auch öfter belästigt werden. Sie wünschten mir "trotzdem alles Gute" zum Geburtstag und gingen weg.


Ich warf mich wieder aufs Sofa und genoss den Spät-Feierabend.


Der nächste Tag wurde zu einem sehr schönen Geburtstag für mich. Tagsüber bekam ich sogar eine Schokolade, in die der Logo von meinem Lieblingscafe gestanzt wurde. Am Abend wollten viele Gäste die zweite Portion. Die Edelsteinsuppe kam gut an. Einige waren geflasht von dem scharfen Paprikapulver, während sich andere herausgefordert fühlten und nachwürzten. Ich hatte jede Menge Spaß und einen sehr gemütlichen Abend zusammen mit meinen Freunden. Die Pastinakensuppenanzeige vergaß ich in der Nacht schon nach kurzer Zeit wieder, und am Geburtstag wurde sie zu einer zwar amüsanten aber eher nebensächlichen Anekdote.


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